Local Web Conference 2014 – Goldrausch

Donnerstag, 20. Februar 2014 at 8:52

Am 5. Februar 2014 machte ich mich auf den Weg nach Nürnberg, um an der vierten Ausgabe der local web conference teilzunehmen. Das Programm klang vielversprechend und es wurde tatsächlich ein spannender und inspirierender Tag rund um location based services, lokalen Content, Map-Technologien, Tracking, Geofencing und natürlich Mobile Strategien.

„Geodaten sind das neue Gold – und wir Nutzer sorgen dafür, dass es geschürft werden kann.”

Pünktlich um 9.30 Uhr ging es los. Die gut aufgelegten Moderatoren Stefanie Söhnchen und Michael Praetorius kündigten Keynote-Speaker Nico Lumma an. Nico ist ein bekannter Blogger und vieles mehr, nachzulesen auf lumma.de.

Es wurde eine sehr launige und anregende Keynote mit den Kernaussagen „Geodaten sind das neue Gold“ und „Location based services sind heißer Scheiß. Dieses Jahr wirklich“. Nico ließ die Zuhörer an seinem digital geprägten Familienleben teilhaben, schaute mit uns zurück in Zeiten von WAP und Zell-Triangellokalisierung und begegnete der Datenschutzdiskussion mit dem Outing zu seiner Daten-Promiskuität. Der erfahrene Lumma versäumte es aber auch nicht ernsthaft darauf hinzuweisen, dass die Unternehmen eine Verantwortung für die nötige Transparenz gegenüber den Nutzern haben. Ein weiteres heißes Thema, das im weiteren Verlauf der Konferenz noch häufiger eine Rollen spielen sollte, wurde von Nico als wenig „hot“ eingeschätzt – Geofencing. Eine Push-Nachricht die nicht explizit gewollt ist, schätzt Lumma als zu starken Eingriff in die Privatsphäre ein. Zielsicher wurden auch zwei Sorgenkinder der mobilen Landschaft in Deutschland angesprochen. Es gibt viel zu wenig öffentlich zugängliche Steckdosen und der Breitband-Ausbau, wie auch der für UMTS und LTE, ist bei weitem nicht auf dem Niveau wie er sein müsste. Minister Dobrindt hat hier eine wichtige Herausforderung zu meistern.

Als nächster durfte Malte Will von Google Deutschland aufs Podium. Für Insider des LBS-Marktes gab es wenig Neues, aber Malte zeigte durchaus eindrucksvoll wie viel Service in einer Kartendarstellung stecken kann, wenn die Anwendung alles über den User weiß. Die Frage bleibt, ob der Google-/Android-Nutzer wirklich alles von sich preisgeben möchte. Darüber hinaus erzählte Malte von den Plänen Googles immer mehr eigenes Kartenmaterial zu erstellen um schneller Änderungen umsetzen zu können. Auch wenn der Google-Vertreter dies nicht ansprach, so ist dies doch ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die OpenStreetMap Bewegung hier einen klaren Vorteil hat.

„Lokale Warenverfügbarkeit plus zuverlässiger Lieferdienst begeistert Kunden.“

Weiter ging es mit dem Buzzword #Nowizm. Hinter dieser kreativen Wortschöpfung steht insbesondere ein weiteres allgegenwärtiges Schlagwort: Same Day Delivery (SSD). Zwei Anbieter gaben einen praxisbezogenen Einblick in diese Domäne. Michael Löhr von Tiramizoo und Max von Waldenfels von MyLorry berichteten über die Historie bzw. die Entwicklung dieses Serviceangebots und den Herausforderungen. Aber auch die Chancen für die Kunden wurden gezielt beleuchtet und im Fazit waren sich beide Anbieter einig, dass dieses Jahr der Durchbruch gelingen wird. Dieser Optimismus wird vom Interesse und von den Aktivitäten großer Unternehmen wie Karstadt Sport oder der Media/Saturn-Gruppe geprägt. Die Kernaussage der Anbieter lautet „Lokale Warenverfügbarkeit plus zuverlässiger Lieferdienst (am gleichen Tag) begeistert Kunden“. Dies kann man aus Kundensicht durchaus nachvollziehen und so investieren unter anderem Daimler und DPD in Tiramizoo.

„Wir graben uns tiefer in die Region als es Google je kann.“

Der so genannte Content-Track“ eröffnete den Nachmittag. Georg Burtscher von Russmedia eröffnete mit sehr interessanten Einblicken in die große österreichische Mediengruppe und deren Strategie. In Deutschland kaum bekannt, aber mit Quoka.de, dem zweigrößten Kleinanzeigenportal des Landes, sehr präsent. Insbesondere der Frage wie man trotz der vermeidlichen Allmacht von Google steigende Umsatzkurven produziert, hat sich Georg gewidmet. Die Kernaussage „ Wir graben uns tiefer in die Region als es Google je kann“ hat mich begeistert. Dieses Bewusstsein fehlt vielen Anbietern von lokalen Inhalten, vor allem im Reigen der Tageszeitungsverleger. Fokussierung auf Kernkompetenz, das ist der Schlüssel. Für die Techniker unter den Zuhörern gab es auch ein Schmankerl. Das Portal VOL.at basiert auf WordPress und zählt 50 Mio. PIs im Monat – beeindruckend. Es war den Ausführungen von Georg Burtscher deutlich anzumerken, dass dieses Medienhaus die Herausforderungen des Marktes erkannt hat und viel dafür tut agieren zu können, statt nur zu reagieren. Unter anderem wird technologisch alles selbst entwickelt und alle Mitarbeiter im Management sind weltweit unterwegs, um den Markt zu beobachten und Trends aufzuspüren. Die Strategie “Mobile First“ wird gelebt und auch wenn es eigentlich jedem klar sein sollte, war der Hinweis des dynamischen Burtscher „mobile ist etwas ganz anderes als web“ eine der wichtigen Botschaften des Tages.

Nach Content kommt Tracking. Und so wurden die 180 Teilnehmer im nächsten Infotrack der Konferenz von vier weiteren Rednern durch den eher technischen Part des Monitoring der
Aktivitäten geführt.

Grundformel Location Tracking

Grundformel Location Tracking

Den Start übernahm Dr. Benedikt Köhler von d.core. In einem sehr unterhaltsamen Vortrag dokumentierte er die Grundformel des Location Tracking und zeigte spannende Visualisierungen von Social Media Aktivitäten auf dem Münchner Flughafen und dem Wiesengelände. Aus Postings bei Twitter, Facebook, Instagram & Co. ergeben sich sehr aufschlussreiche Bewegungsprofile. Dies regt durchaus zum Nachdenken an. Im Gedächtnis blieb bei mir insbesondere die Information zurück, dass in London die Mülleimer feststellen, welche mobilen Endgeräte an Ihnen vorbei laufen.

„Lokale Services. Das ist der Trick. Keine Werbung, sondern Services die helfen.“

Ein ganz heißes Thema brachte Alexander Oelling von sensorberg mit. Das Startup (gegründet im August 2013) fokussiert sich auf die iBeacon-technologie. Die kleinen „Leuchtfeuer“ sind derzeit in aller Munde und verleihen dem Thema Geofencing möglicherweise Auftrieb. Zwischen 20 und 30 Euro kostet der kleine Sender, der in einem vorab eingestellten Umkreis Nachrichten per Bluetooth pusht. Dabei kann der Betreiber die Genauigkeit in 10 cm Schritten justieren. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und durchaus auch für KMUs interessant. Aus Datenschutzgesichtspunkten ist der Service gut, da eine Interaktion nur stattfindet, wenn der User dies wünscht und die entsprechende App installiert hat. So kann iBeacon bspw. als Verkaufsunterstützung eingesetzt werden in dem der potenzielle Kunde beim Verlassen des Ladens noch ein Gutschein für den Online-Shop erhält.

„Doppelte Genauigkeit kostet hinten eine Null mehr“

Den Tracking-Part schloss Steffen Meyer vom Frauenhofer IIS. Rund 25 Sensoren hat ein aktuelles Smartphone und rund 15 Lokalisierungstechnologien stehen in Städten und Gebäuden zur Verfügung. Dies führt zu dem bekannten Problem des hohen Energieverbrauchs der kleinen Helferlein. Neben diesen Fakten zeige Meyer auf, dass die Genauigkeit der Lokalisierung in Kombination mit Zuverlässigkeit kostenintensiv ist. „Doppelte Genauigkeit kostet hinten eine Null mehr“, so seine These. Steffen Meyer präsentierte des Weiteren awiloc, eine Lokalisierungstechnik per WLan die in Sachen Datenschutz den Vorteil hat, dass nur das Endgerät die Position ermittelt und diese an keinen Server überträgt. Zum Abschluss des Themenblocks für viele Zuhörer sicher eine beruhigende Erkenntnis, das bei der Vielzahl von Tracking-Möglichkeiten auch Lokalisierungstechniken entwickelt werden, die den Standort nicht an uns unbekannte Server übermitteln.

„Die Power des Standorts“

Mit Gregor Fellner von millennial media und Florian Gmeinwieser von plan.net rundeten zwei Markter das Thema ab. Fellner fokussierte in seinem Vortrag auf die „Power des Standorts“ und das damit mögliche HyperLocal Targeting. Werbung auf 50 Meter genau auszuspielen eröffnet den Kreativen neue Möglichkeiten. Dabei kann ein KMU bspw. einen Account anlegen, per PayPal ein Guthaben definieren und per Umkreis oder individueller Einstellung (Polygone) seine „Fläche“ wählen, in der seine Angebot transportiert wird. Florian Gmeinwieser berichtete aus der Welt der Großkunden und deren Bemühungen den Händler durch schlauen Ausspielung von Werbung durch passende Werbemittel den Werbekostenzuschuss zu ermöglichen, den es sonst in der Regel nur für Printflyer gibt. Dies ist ein wichtiger Schlüsselfaktor, da ohne dieses WKZ der Händler die Werbung nicht bucht bzw. nicht leben kann.

Power des Standorts

Power des Standorts

Im abschließenden „Smart City“ Block ging es um Dienste die Lebensqualität, Komfort und Mobiltät im Fokus haben. Unter anderem präsentiere Selina Krieg von Arzttermine.de deren Portal zur einfachen Online-Terminvereinbarung im Gesundheitswesen. Das Startup wird von zwei GelbeSeiten-Verlagen finanziell unterstützt und wird auch Bewertungen integrieren.

Die Macher der local web conference hatten in ihrer Planung der Vorträge natürlich auf die richtige Dramaturgie gesetzt. Nach der Eröffnung durch Nico Lumma, wurde die Veranstaltung durch den nicht weniger bekannten und wunderbaren Raul Krauthausen beendet.

„Denkt das Internet doch mal anders“

Raul löste in seinem beeindruckenden Vortrag mit der Aufforderung „Denkt das Internet doch mal anders“ spontanen Applaus der Zuhörer aus und erzählte auf sehr unterhaltsame Weise von seinen Projekten. Insbesondere die wheelmap.org setzt dabei auf Geotagging und Location based services. Bereits 400.000 Locations wurden von der aktiven Community mit einer Information versehen, ob der POI rollstuhlgerecht ist oder nicht. Das Portal ist mehrsprachig und lebt von der aktiven Community. Nach Deutsch und Englisch wurde eine japanische Variante umgesetzt und bereits als fünfte Sprachversion gab es die klingonische Wheelmap. Mit der passenden App für iOS oder Android kann jeder Orte als rollstuhlgerecht (oder nicht) markieren und somit ganz einfach zu diesem wichtigen Projekt beitragen.

In der Zwischenzeit ist Raul neben seinen vielen Projekten wie pfandtastisch helfen und den Sozialhelden auch unter die Autoren gegangen und beschreibt unter dem Titel „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ sein Leben aus der Rollstuhlperspektive. Zum Ende des Vortrags, und somit auch mit dem Ende der local web conference, konnten alle Teilnehmer die Erkenntnis mit auf den Heimweg nehmen, dass location based services sehr viel Potenzial haben Gutes zu tun und neben Marketing und Umsatzwachstum auch andere wichtige Dinge des Lebens positiv zu beeinflussen.

Oliver Heim
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Oliver Heim

Oliver ist Visionär, Anstifter und jemand, der schonungslos die Finger in die Wunde legt, wenn es um Verbesserungspotentiale – Schwächen haben wir bei YellowMap nicht – geht. Dabei sind Bilder wie jenes mit "Unser größter Feind" betitelte Foto einer der ältesten und bekanntesten noch aktiven Rock-Bands mit Namen "Status Quo" das bevorzugte Mittel. Auch die Screenshots des Amazon-Portals von 1995 und 2013 garniert mit dem Hinweis, dass es seither nicht einen Relaunch gab, rütteln wach und zeigen uns Olivers Vision für YellowMap. Privat ist er ein leidenschaftlicher und ehrgeiziger Golfer und folglich gerne im Freien. Die Schals, die er gerne auch in unseren wohltemperierten heiligen Hallen trägt, widersprechen dem nur scheinbar. Schuld sind winzige aber äußerst aggressive Daseinsformen, die sein Sohn aus dem Kindergarten täglich mit nach Hause bringt und die dort ihr unheilvolles Werk beginnen.
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