Die Zukunft des Notrufs 112

Freitag, 7. November 2014 at 11:15

Hallo liebe Leser,

die meisten von Euch werden schon einmal eine Notfallsituation erlebt haben. Dafür gibt es den Notruf 112. Doch obwohl es sich um den wohl wichtigsten ortsbezogenen Dienst überhaupt handelt, ist die Umsetzung geradezu erschreckend rückständig! Überlegt man sich, was der Notruf eigentlich leisten sollte und vergleicht es damit, was heute technisch möglich wäre, ist die 112 ein echter Dinosaurier. Das hat Geoff Naldrett, Operations Manager der britischen Association of Public Safety Communications Officers (BACPO), mit den folgenden Worten auf den Punkt gebracht: „despite the prevalence of smart technology in society, the emergency services system has not changed much from its inception in 1937.“ (Trotz der Verbreitung von Smart Technologien in der Gesellschaft, hat sich das Notrufsystem seit seiner Einführung im Jahre 1937 kaum verändert.) Was wären also die Ziele eines modernen Notrufsystems?

Es sollte jeder, jederzeit und überall Zugang haben…

…denn Notfälle können immer, überall und jedem passieren. Dumm, dass man mit dem 112-Dienst sprechen muss. Wir hinterfragen das gewöhnlich nicht, aber in Wahrheit liegt darin für viele Situationen eine eklatante Schwäche. Problem: Ihr werdet nachts zuhause von Geräuschen geweckt! Ein Einbrecher? Also Telefon abnehmen, 112 wählen und dann laut und deutlich sagen: „Hallo! Ich bin der X, wohne in der Y-Strasse in Z, ein Einbrecher ist im Haus…“ – weiter werdet ihr vielleicht nicht kommen, bevor Euch die eigene Tischlampe in eine temporäre Auszeit versetzt. Also lieber zu Laptop oder Handy greifen und ab in den Kleiderschrank. Aber was jetzt? Eine SMS tippen? Geht nicht! Eine eMail an 112@polizei.de? Dazu gibt es eine tolle Folge von IT-Crowd, denn das geht auch nicht! Ist das Zimmer eine Hotelsuite irgendwo im Urlaub, wird es ganz bitter. Der Operator erkennt möglicherweise nichtmal die Sprache, in der ihr ihn ansprecht. Seid ihr taub oder stumm könnt ihr es gleich vergessen! Überhaupt ist Telefon längst nicht mehr so bedeutend wie früher. Geräte verzichten zunehmend auf diese Funktion. Was tue ich dann? Am besten ich bestelle eine Pizza „mit extra viel Polizei“ als Sonderwunsch, denn dafür gibt es zahlreiche Apps.

Schnelle Hilfe am richtigen Ort…

…denn es kommt oftmals auf Sekunden an. Der Notruf wird dazu an eine irgendeine Leitstelle vermittelt. Welche hängt vom Netz ab. Festnetz ist problemlos, aber Mobilfunknetze in Europa reichen weit in das Nachbarland hinein. Ist das eigene Netz nicht verfügbar, wird ein ausländischer Roaming-Partner sogar präferiert. So hat mein Smartphone im Schwarzwald (20 km jenseits der Grenze) oft französisches Netz. Rufe ich die 112 an, lande ich in der französischen Leitstelle. Trotz massiver Sprachprobleme muss der französische Operator dann die Daten aufnehmen und diese schlimmstenfalls manuell (telefonisch) an die deutschen Kollegen übermitteln. Der Ort ist zudem ein echtes Problem, denn den kann der Operator technisch nur sehr ungenau bestimmen. Wenn ich ihn nicht beschreiben kann, weil ich mich nicht auskenne, kann die Suche lange dauern. Smartphones haben zwar üblicherweise GPS, aber die Koordinaten können nicht übertragen werden. Also am besten wieder die Pizza von eben, denn die App sendet die Koordinaten mit…

Die richtige Hilfe und Vorbereitung

Damit alles reibungslos läuft, muss die Leitstelle wissen was passiert ist. Nur so schickt sie die richtigen Hilfskräfte und gibt auch die richtigen Tipps! Dafür muss der Anrufer alles beschreiben, aber das ist nicht einfach. Der Anrufer ist ein Laie, steht unter Stress, ist möglicherweise verletzt und muss sich kurz fassen (was mir besonders schwer fiele). Smartphones und Tablets haben integrierte Kameras, Beschleunigungssensoren und vieles mehr. Wearables sind oft sogar in der Lage, Vitalfunktionen zu erfassen. (Letztere könnten sogar Hilfe holen, wenn es das Opfer nicht mehr kann.) Ein Experte, bspw. ein Arzt, könnte dem Anrufer anhand eines guten Fotos passende Verhaltensempfehlungen geben. Er könnte auch dafür sorgen, dass der Rettungswagen die nötige Ausrüstung dabei hat. Und er könnte das Krankenhaus informieren, welche Art von Behandlung es vorbereiten sollte. Aber Daten (Bilder, Videos, Vitaldaten etc.) sind völlig nutzlos, wenn die Leitstelle sie nicht empfangen kann. Also am besten ein Video drehen, auf Youtube hochladen, einen Link auf NetDoktor posten und hoffen, dass die Moderatoren zackig reagieren…

Warum ist das so?

Die einzige Innovation der letzten Jahrzehnte war die einheitliche europäische Rufnummer und schon das war ein Kraftakt. In Voice-Over-IP-Netzen funktioniert sie oftmals noch immer nicht. Die Gründe liegen im System. Jedes Land hat seine eigenen Gesetze, Vorschriften und Prozesse, die sich oftmals nicht vertragen und nur sehr langsam ändern. Folglich sind auch Soft- und Hardware allesamt nationale Insellösungen. Auch sind es Komplettpakete, die meist nicht erweitert oder angepasst, sondern nur vollständig ersetzt werden können. Im Markt für diese Lösungen gibt es kaum Konkurrenz. Ausländische Systeme sind inkompatibel und der Notruf ist eng mit dem Telekommunikationssystem verbunden, so dass es in aller Regel nur einen nationalen Anbieter gibt. Folglich gibt es für diesen Anbieter auch keine Anreize, besonders günstig oder innovativ zu sein, denn er muss niemanden überzeugen.

Wir möchten eine Lösung entwickeln…

Die EU hat dieses Problem erkannt und eine Lösung ausgeschrieben, die wir mit unseren Partnern entwickeln möchten. Mit ortsbezogenen Diensten kennt sich YellowMap gut aus und auch im Bereich Notfall haben wir durch BeSmart und e-Sponder schon viele nützliche Technologien entwickelt. Daher haben wir uns mit zehn weiteren Partnern aus Europa um die Entwicklung einer Lösung beworben. Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal unseres Ansatzes: Die Anwendung wird vollständig dienstbasiert (wie bei SINNODIUM) und in einer sicheren Cloud bereitgestellt. Außerdem werden alle Daten standardisiert. Dienste ermöglichen eine flexible Anpassung der Anwendung an nationale Gegebenheiten oder bestimmte Anwendungsfälle. Durch offene Schnittstellen können zudem auch kleine Anbieter Dienste entwickeln oder anpassen, wodurch mehr Konkurrenz entsteht. Die Cloud ermöglicht den ortsunabhängigen Zugang, so dass Experten von Feuerwehr, Polizei und Gesundheit, egal, wo sich diese befinden, mithelfen können. Die Standardisierung von Daten ermöglicht neben einem reibungslosen grenzüberschreitenden Datenaustausch sowohl ein operatives, als auch ein strategisches Wissensmanagement. Das operative Wissensmanagement sorgt dafür, dass das System aus Erfahrungen lernt, egal, wo diese gemacht werden. Das strategische Wissensmanagement ermöglicht Trainingsprogramme für Hilfskräfte, die ebenfalls von allen Erfahrungen profitieren. Das nennen wir dann den Notruf 2.0 oder NGES (Next Generation Emergency Services).

Drückt uns die Daumen, dass wir erfolgreich sind!

Viele Grüße

Euer Richard

Richard Wacker

Richard Wacker

Die männliche Quasselstrippe unter den YellowMaplern: Egal ob es um schwarze Löcher oder Patentsrechtproblematik geht, Richard kann zu jedem Thema etwas sagen. Ein breitgefächertes Themenfeld gehört auch zu seinem Berufsalltag als Forschungsleiter: Von Festivals über Notfallszenarien bis hin zu Management von sozialen Netzwerken ist alles dabei. Mit seiner Redegewandtheit kann er andere schnell für seine Themen und kreativen Ideen begeistern. In seiner Freizeit heißt das Motto „Augen zu und durch“, wenn er die Straßen mit seinem Motorrad unsicher macht.
Richard Wacker

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